In den vergangenen Jahren hat das Thema ADHS bei Erwachsenen enorm an Aufmerksamkeit gewonnen. In sozialen Medien, Podcasts, Interviews oder Dokumentationen berichten zunehmend Prominente, Influencer und öffentliche Personen von einer ADHS-Diagnose oder entsprechenden Verdachtsmomenten. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, ADHS sei eine Art „Volksdiagnose“ unserer Zeit und betreffe einen großen Teil der Bevölkerung. Tatsächlich ist jedoch kritisch zu hinterfragen, ob die heutige Häufigkeit von Diagnosestellungen tatsächlich ausschließlich auf ein besseres Erkennen der Erkrankung zurückzuführen ist oder ob gesellschaftliche Entwicklungen und vereinfachte Darstellungen ebenfalls eine erhebliche Rolle spielen.
Was ist normal?
Viele Eigenschaften, die heute häufig als Hinweise auf ADHS dargestellt werden, gehören zunächst zum normalen menschlichen Erleben. Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, innere Unruhe, Ungeduld, Aufschiebeverhalten oder Schwierigkeiten mit Organisation treten zeitweise bei nahezu jedem Menschen auf – insbesondere unter Stress, Überforderung oder emotionaler Belastung. In sozialen Netzwerken werden solche alltäglichen Erfahrungen jedoch häufig stark vereinfacht dargestellt und schnell als „typische ADHS-Symptome“ interpretiert. Kurze Videos oder Selbsttests vermitteln dabei oftmals den Eindruck, bereits einzelne Verhaltensweisen seien ein deutlicher Hinweis auf eine neurobiologische Störung. Wissenschaftlich ist diese Schlussfolgerung jedoch problematisch.
Eigenschaften, die früher eher als Temperament, Persönlichkeit oder Folge schwieriger Lebensumstände verstanden wurden, werden heute zunehmend medizinisch/psychologisch eingeordnet. Dadurch besteht die Gefahr einer Überpathologisierung normaler menschlicher Schwierigkeiten - denn nicht jede Ablenkbarkeit ist Ausdruck einer Erkrankung! Nicht jede emotionale Intensität bedeutet ADHS! Auch Kreativität, spontane Begeisterungsfähigkeit oder wechselnde Interessen sind zunächst keine krankhaften Merkmale.
ADHS-ähnliche Symptome bei einer Vielzahl psychischer Belastungen!
Hinzu kommt, dass viele Symptome von ADHS unspezifisch sind und bei zahlreichen anderen psychischen Belastungen auftreten können. Konzentrationsprobleme finden sich beispielsweise häufig bei leichten Depressionen, Angststörungen, chronischem Stress, Schlafmangel, sozialen Konflikten oder Erschöpfungszuständen. Auch emotionale Instabilität, starke Stimmungsschwankungen oder impulsives Verhalten können andere Ursachen haben und werden dennoch zunehmend vorschnell mit ADHS erklärt. Das macht die diagnostische Abregnzung im Erwachsenenalter oft schwierig.
Die heutige Lebensrealität verstärkt viele dieser Schwierigkeiten zusätzlich. Menschen leben in einer Umgebung permanenter Reizüberflutung. Smartphones, soziale Medien, ständige Erreichbarkeit, multitaskingartige Arbeitsanforderungenm fragile zwischenmenschliche Beziehungen und hohe Leistungsansprüche führen dazu, dass die kognitive Leistungsfähigkeit und "innere Energiebereitstellung" dauerhaft beansprucht wird. Konzentrationsprobleme werden dadurch fast zu einem allgemeinen gesellschaftlichen Phänomen. Dies bedeutet jedoch nicht automatisch, dass eine neuropsychologische Störung vorliegt.
Das Gehirn befindet sich bei vielen Menschen gewissermaßen in einem dauerhaften Alarmzustand. Konzentration, Planung und Impulskontrolle werden in Folge dessen deutlich erschwert. Nicht selten verbessern sich vermeintliche „ADHS-Symptome“ bereits dann, wenn emotionale Belastungen reduziert oder besser verarbeitet werden können.
ADHS oder ADS - Was ist der Unterschied?
Früher wurde häufig zwischen ADS und ADHS unterschieden. Unter ADS verstand man eher die unaufmerksame Form ohne ausgeprägte Hyperaktivität. Betroffene wirkten häufig verträumt, langsam, vergesslich oder geistig abschweifend. ADHS beinhaltete zusätzlich eine deutliche motorische Unruhe, Impulsivität und hyperaktives Verhalten. Heute wird meist der gemeinsame Oberbegriff ADHS verwendet, wobei unterschiedliche Erscheinungsformen unterschieden werden. Bei Erwachsenen zeigt sich Hyperaktivität zudem oft nicht mehr durch auffälliges Herumlaufen oder starke körperliche Aktivität, sondern eher durch innere Getriebenheit, ständige Gedankensprünge oder Schwierigkeiten, innerlich zur Ruhe zu kommen.
Dennoch existiert ADHS als ernstzunehmende Erkrankung!
Nach aktuellen diagnostischen Richtlinien gehören zu den typischen Symptomen einer ADHS unter anderem natürlich erst einmal deutliche und anhaltende Probleme mit Aufmerksamkeit und Konzentration (vereinzelt kann es auch zur sogn. Hyperfokussierung kommen), stetige Ablenkbarkeit, sehr starke Schwierigkeiten Aufgaben zu organisieren und abzuschließen, sehr starke Vergesslichkeit im Alltag (trotz externen Strategien wie Notizen etc,), ausgeprägtes impulsives Verhalten (häufig zu Lasten sozialer Beziehungen), vorschnelles Handeln ohne ausreichende Prüfung der drohenden Konsequenzen (was z.B. zu häufigen finanziellen Nachteilen führt) sowie eine stetige ausgeprägte innere oder äußere Unruhe. Die Symptome müssen bereits seit der Kindheit bestehen und in mehreren Lebensbereichen zu deutlichen starken Alltagseinschränkungen führen, beispielsweise im Beruf, in Beziehungen oder im Alltag. Einzelne Anspannung, Konzentrationsprobleme oder gelegentliche Unruhe reichen für die Diagnose einer ADHS nach aktuellen wissenschaftlichen Kriterien ausdrücklich nicht aus!
Falls Sie unter den genannten Symptomen und Ausprägung leiden, lassen Sie sich von einem Fachmann beraten und unterziehen sich ggf. einer (recht aufwendigen) ADHS-Diagnostik. Diese muss mit mehreren psychologischen Testverfahren einer Testung der Persönlichkeitsfaktoren sowie einer umfassenden Anamnese einhergehen.
Mehr erfahren hierzu auch unserer Website unter dem Fachbereich Erwachsene.
Dieser Block wurde geschrieben von Alexander Friese M.Sc., M.A.S.