Psychotherapie ist Kontakt von Mensch zu Mensch. Sie ist kein Tip- oder Ratgeber für Symptome (zumindest nicht ausschliesslich) und erst recht kein technisches Verfahren zur Selbstoptimierung. Im wesentlichen ist Psychotherapie ein Beziehungsprozess, in dem ein Mensch einem anderen Menschen begegnet - und sich mit Themen wie Verletzlichkeit, Angst, Hoffnungslosigkeit und Biographie beschäftigt. Das Zuhören ist hierbei der erste Schritt einer „therapeutischen“ Beziehung.
Warum ist die therapeutische Beziehung so wichtig???
Nun, aus psychologischer Sicht entsteht psychisches Leid fast immer innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen und zeigt sich somit auch meist in zwischenmenschlichen Beziehungen. Viele Patientinnen und Patienten kommen nicht primär wegen einzelner Symptome in Therapie, sondern wegen eines tiefen Gefühls, nicht gesehen, nicht verstanden oder nicht wirklich gemeint zu sein - sich somit einsam und unverstanden zu fühlen. Dieses Gefühl lässt sich nicht durch richtige Worte allein verändern - auch wenn es aus therapeutischer Sicht sicherlich sinnvoll ist, nicht vollends deplatzierte Worte wählen. In der Therapie bekommen leidvolle Emotionen einen sicheren Rahmen innerhalb dessen Sie reflektiert und bearbeitet werden können. Zudem entsteht echte Resonanz durch das innere Erleben des Gegenübers. Die therapeutische Beziehung ist somit der wichtigste Unterschied zwischen menschlicher Psychotherapie und einem KI-Coaching!
Übertragung / Gegenübertragung: was löst der andere in mir aus?
Besonders deutlich wird das der Konzept der therapeutischen Beziehung in der Übertragung und Gegenübertragung. Patientinnen und Patienten bringen alte Beziehungsmuster, Ängste, Hoffnungen und Verletzungen in die therapeutische Beziehung ein. Diese zeigen sich nicht nur in Erzählungen, sondern im Hier-und-Jetzt einer Begegnung - im Schweigen, im Widerstand, im Wunsch nach Nähe oder Distanz. Die TherapeutIn spürt daraufhin eigene emotionale Reaktionen – Irritation, Mitgefühl, Schutzimpulse, Ungeduld oder Traurigkeit. Diese Gegenübertragung ist kein Fehler, sondern ein feines Instrument, um zu verstehen, was im inneren Erleben des Gegenübers geschieht.
Eine KI kann solche Prozesse nicht erleben. Sie kann keine unbewusste Beziehung eingehen, keine emotionale Spannung halten und keine eigene innere Reaktion reflektieren. Damit fehlt ihr ein zentraler Zugang zu dem, was psychische Dynamik im Kern ausmacht. Therapie wird dadurch reduziert auf ein sprachliches Frage-Antwort-System.
Gruppentherapie mit KI? Vergiss es!
Noch eindrücklicher zeigt sich die Unersetzlichkeit menschlicher Begegnung in der Gruppentherapie. Gruppen sind nicht nur effizient, sondern tief wirksam, weil sie etwas ermöglichen, das KI nicht leisten kann und zwar das Erleben, von mehreren realen Menschen gleichzeitig gesehen, gespiegelt und emotional „gefühlt“ zu werden. In der Gruppe wird nicht nur gesprochen, sondern emotional reagiert, ausgehalten und v. a. gespiegelt. Menschen erleben, wie sie auf andere wirken, wie sie dazugehören oder sich abgrenzen, wie sie Nähe zulassen oder vermeiden.
Dieses Erleben ist oft berührend, manchmal schmerzhaft, aber zutiefst menschlich. Wenn ein Gruppenmitglied sagt: „So habe ich mich auch gefühlt“ oder „Ich kann dein bedrückenes Gefühl auch fühlen“, entsteht ein Moment echter Resonanz. Solche Momente sind nicht programmierbar. Sie entstehen aus einem „Wir-Gefühl“ durch Präsenz des Anderen, Verletzlichkeit und echtem Kontakt. Eine KI kann keine Gruppe sein – wie auch?! Sie kann keine zwischenmenschliche Atmosphäre generieren, keine Wut, Angst oder ausgeöste Scham regulieren und eben auch keine echte emotionale Sicherheit im kollektiven Raum herstellen.
In einer psychotherapeutischen Gruppe wird für viele erfahrbar, wie es ist, gesehen zu werden – oder auch sich unsichtbar zu fühlen. Erfahrungen wie es ist, echte menschliche Resonanz zu erhalten oder eben auch auszuhalten, dass andere anders reagieren, als man innerlich hofft. Insbesondere letzteres sind oft schmerzhafte Erfahrungen, die jedoch wichtig sind. Und gerade deshalb sind sie verändernd.
KI kann in der Interaktion niemals eine echte Beziehung herstellen, was seitens der Programmierer meist durch oberflächliche Validierung versucht wird zu kaschieren – und gleich wenn sich Validierung für die meisten zunächst gut angefühlt wird sie jedoch spätestens nach dem 60zigtsen „schön, dass Du da bist“ oder „interessante Frage von Dir“ rasch an Bedeutung verlieren.
Wenn hingegen ein Mensch in einer Gruppe zum ersten Mal erlebt, dass andere bleiben, auch wenn man sich so zeigt wie man wirklich ist (sogn. Verzicht auf Sicherheitsverhalten), verändert das sein Selbstgefühl auf allen Ebenen extrem nachhaltig, was sehr heilsam sein kann. Dieses Erleben ist nicht sprachlich vermittelbar und nicht simulierbar. Eine KI hingegen kann keine Zugehörigkeit verkörpern. Sie kann niemandem einen Platz anbieten. Sie kann kein „Wir“ herstellen.
Auch neurobiologische Effekte blieben aus…
Auch aus neurobiologischer Perspektive ist menschliche Begegnung zentral. Emotionale Regulation geschieht über Ko-Regulation – also über das Nervensystem eines anderen Menschen. Ein ruhiger Blick, eine empathische Stimme oder ein mitfühlendes Schweigen können das autonome Nervensystem beruhigen. Diese Prozesse laufen größtenteils unbewusst ab. KI kann diese Regulation nicht leisten, weil sie selbst kein Nervensystem besitzt ;-)…
Ist KI nutzlos?
Nein, all die genannten Aspekte bedeuten nicht, dass KI nutzlos ist. Sie kann informieren, strukturieren, erinnern, begleiten oder eben coachen und das kann KI sogar recht effizient! Sie kann niedrigschwellige Unterstützung bieten und den Zugang zu Hilfe erleichtern. Aber sie kann nicht das ersetzen, was Psychotherapie im Kern ist - eine lebendige, spürbare, berührende Beziehung zwischen Menschen.
Dieser Blog wurde geschrieben von Alexander Friese, M.Sc., Psychologischer Psychotherapeut – der garantiert kein Chatbot ist :)